Gedanken

Schafft Sprache Wirklichkeit?

In vielen Bereichen behauptet man das ja. Aber wenn dem tatsächlich so ist, was bedeutet das dann für unsere “Hundewelt”?

Ein Beispiel: Was bin ich für meine Hunde?? Ein Hundebesitzer. Na prima - "besitzt" man etwa seine Freunde, seine Familie? Ich hoffe doch, die sind gerne und aus Zuneigung bei mir... Oder ein Hundehalter? Klingt für mich irgendwie nach Zootieren im Käfig. Ein eher sportlich orientierter Hundeführer? Na so leistungsorientiert ist unser Zusammenleben nicht, und einen blöden Beigeschmack hat das Wort ohnehin. (Außerdem haben die ihren eigenen Willen, die muss man nicht ständig führen!) Also vielleicht einfach ein Frauchen? Nein, wie niedlich, dieses Diminuitiv. Aber dazu fällt einem eher sofort das kleine Schätzchen ein, das vom Frauchen mit Leckerchen gefüttert und mit Mäntelchen bekleidet wird... Ist mir irgendwie für die tiefe Beziehung, die wir haben, zu dämlich. Was bin ich also??

Oder wie kamen wir zusammen? Da war ich ein "Welpen- bzw. Hundekäufer". Ok, dass man den Züchtern auch eine Art Aufwandsentschädigung zahlt, sehe ich ein - so ein bißchen wie ein "Unterhalt". Aber meine Freunde kaufen wie ein Päckchen Mehl? Da klingt es im Englischen irgendwie viel freundlicher, wenn es heißt "to adopt a pet" (also ein Haustier adoptieren). Schafft Sprache hier Wirklichkeit? Prägt das vielleicht unbewusst unsere Einstellung zum Hund?

Überhaupt, die Hunde selbst. Da gibt es Schoßhunde - wie bitte wird es einem Hund gerecht, wenn er primär auf dem Schoß leben soll? Oder Gebrauchshunde - Hunde sind vielleicht meine Helfer und Arbeitskollegen, aber doch kein Gebrauchsgegenstand! Ähnliche Probleme hab ich entsprechend auch mit dem Sporthund...

Vielleicht ist das kleinlich, aber wäre es nicht an der Zeit, sich darüber einmal nähere Gedanken zu machen?

Die Kleinen sind immer so giftig...

Wer hat ihn nicht schon gehört oder auch selbst gesagt, diesen Satz? Und irgendwo stimmt es ja auch, wie oft erlebt man Zwerghunde, die offensichtlich ständig am Keifen sind. Zum Teil ist das mit Sicherheit eine Folge oftmals mangelnder Erziehung - “der ist doch so klein, wieso soll der das denn lernen... “ Aber eben nur zum Teil. Was den Rest angeht, da finde ich diesen Spruch einfach nur unfair.

Fangen wir doch mal in der Welpenstunde an. Da werden oft junge Hunde verschiedenster Rassen zusammen gelassen mit der Begründung, sie müssen ja lernen, miteinander umzugehen. So weit, so richtig. Allerdings lernen sie dabei oft ganz verschiedene Dinge. Der kleine Labrador oder Berner Sennen springt also frohgemut auf den noch viel kleineren Terrierwelpen. Dieser warnt kräftig, schließlich hat er schon verstanden: Wenn so ein Brummer auf mir landet, tut das tüchtig weh, ganz anders als bei den eigenen Geschwistern! Davon wiederum lässt sich klein-Berni nicht beeindrucken, er will schließlich spielen, und die Feinheiten sollen ja erst hier gelernt werden. Also ignoriert er nicht nur das Knurren, sonder auch das Warnzwicken (das ein anderer Zwerg als Kniff gespürt und entsprechend beachtet hätte), denn dieses “Minizwicken” geht bei ihm erst gar nicht durch das Fell, ganz zu schweigen davon, dass es Eindruck machen würde. Tja, und dann reicht es dem Winzling, er hat richtig die Nase voll, stürzt sich mit Gebrüll auf den verdutzten großen und beißt einmal herzhaft mit seinen spitzen Milchzähnchen zu. Das spürt nun auch der große und weicht verdutzt zurück. Sicher, der kleine “Großhund” hat die gewünschte Erfahrung gemacht: Auch auf Zwergen darf man nicht ungestraft herumtrampeln, und die reagieren oft auch wesentlich empfindlicher als gleichgroße. Aber was hat der Minizwerg dabei gelernt? Doch nur, wenn du deine Ruhe haben willst musst du laut schreien und kräftig zubeißen, alles andere nutzt nix...

Im Umgang mit Passanten sieht es übrigens nicht viel besser aus. Ich möchte mal denjenigen sehen, der auf der Straße einen Rottweiler “anbellt” und “anmiaut”, mal kräftig mit dem Fuß aufstampft, rücksichtslos einfach drübersteigt, oder ganz freundlich gemeint mal eben über den Kopf streicheln und den Hund vielleicht sogar hochnehmen will! Klingt albern, wenn man sich das vorstellt? Für Zwerghunde ist das tägliche Realität. Und dann wundern sich die Menschen, wenn der Zwerg irgendwann reichlich die Nase voll hat und von vornherein gereizt reagiert. Aber nun gut, man kennt das ja - die Kleinen sind schließlich immer so giftig...

Vermenschlicht?

Dieses Thema begegnet einem vor allem im Bezug auf Zwerghunde immer wieder. Oft ist es das eine, altbekannte extrem: Von wohlwollenden Mitmenschen auf kleine pelzige Menschleins degradiert, werden die Hunde völlig missverstanden. Da wird ein Schütteln als “nein” interpretiert, da braucht das Schätzchen natürlich Mäntelchen und Schühchen, weil das Frauchen ja auch friert, und natürlich ist der Zwerghund von Welt stolz auf seine Accessoires und versteht jedes Wort, das die Mutti zu ihm sagt... Aber diese sehr auffällige Ausprägung ist nur die eine Seite der Medallie.

Auf der anderen Seite gibt es die große Anzahl von Menschen, die sich mit viel Sachverstand um den Hund bemühen; und SACH-Verstand trifft es ziemlich genau. Mit absoluter Genauigkeit wird analysiert, überlegt, was der Hund wohl wie verknüpfen könnte oder auch nicht, und obwohl dabei durchaus viel Zuneigung zum Hund dabei ist, bleibt ein Schreckgespenst immer im Raum stehen: Bloß nicht vermenschlichen!! Das ist oft schon keine Vorsicht mehr, das ist eine regelrechte Phobie.

Woher kommt sie, diese Angst vor der Vermenschlichung des Hundes? Nur vom Beispiel der wohlmeinenden Menschen, die ihren Hund nicht mehr als eigenständiges Lebewesen sehen können? Immer noch die Angst der Wissenschaftler, auf einen weiteren “Klugen Hans” hereinzufallen?

Sicher, meine Hunde denken nicht wie ich - aber sie denken. Sie fühlen nicht genau wie ich - aber sie fühlen. Und irgendwo dort begegnen wir uns auch, wir kommunizieren, haben eine gemeinsame Basis. Wer will das ernsthaft leugnen? Meine Hund sind keine “Babies”, aber eben auch keine “Verknüpfungsmaschinen”, sie haben ein eigenes Wesen, eigene Gedanken, eigene Gefühle - genau wie wir Menschen auch. Fängt sie da etwa an, die Vermenschlichung?

Viele wenden dann ein, dass man das, was man Hunden da unterstellt, nicht nachprüfen kann. Ich kann sie nicht fragen, ob das so stimmt. Andererseits: Woher will ich wissen, ob mein menschliches Gegenüber unter “Freude”, “Angst” und ähnlichen Begriffen das wirklich gleiche versteht wie ich? Ich sehe eine Mimik, eine Gestik, einen Augenausdruck, höre eine Stimmlage und schließe daraus auf ein Befinden, indem ich es mit meinen eigenen Gefühlen in ähnlichen Situationen vergleiche. Keiner wird je beweisen können, ob meine Annahme stimmt, und beim Menschen verlangt das auch niemand. Wieso darf ich also nicht beim Hund ähnlich vorgehen, ohne mich dem Vorwurf der Vermenschlichung auszusetzen?

Überhaupt die Sache mit der Sprache. Man versucht in Worte zu fassen, was der Hund wohl gerade denkt oder empfindet, und beschreibt es notgedrungen mit menschlichen Beispielen. Das klingt dann manchmal schon sehr weit hergeholt, sehr nach menschlicher Logik. So logisch denkt ein Hund nicht, oder? Stimmt - aber der Fehler liegt nicht bei der Wahrnehmung des Gefühls oder Gedankens des Hundes, sondern beim “Übersetzungsversuch” in unsere sprachliche Ebene!

Was wir dabei oft übersehen ist die Tatsache, dass unsere Sprache nur ein Hilfsmittel ist, und zudem ein recht dürftiges. Wer von uns kennt nicht die Situation, wo wir ein sehr intensives Gefühl haben und dazu nur sagen können: Da fehlen mir die Worte?!? Oder die gängige Redensart “es liegt mir auf der Zunge” - der Gedanke ist da, aber irgendwie finden wir die Worte nicht? Wer hatte noch nicht eine Idee im Kopf und ist am Versuch verzweifelt, das in die passenden Worte zu kleiden? Wie lange Reden machen wir manchmal, um einen einzigen Gedanken zu beschreiben? Genau diese vorsprachliche, aber nichts desto weniger konkrete Stufe ist es, auf der unsere Hunde zuhause sind. Sie denken, sie fühlen, und sie wissen, dass sie denken und fühlen. Es hat sogar eine gewisse eigene Logik; bloß fassen sie es nicht in Worte. Und jeder menschliche Versuch, das zu beschreiben, es in Worte zu kleiden, muss zwangsläufig nach Vermenschlichung klingen, weil wir eben nur menschliche Begriffe haben, und in langen Sätzen umschreiben müssen, was meist nur ein einziger Gedanke, eine einzige Empfindung ist.

Es wird wohl immer ein Drahtseilakt bleiben. Einerseits haben es unsere besten Freunde nicht verdient, dass man das ihnen eigene Wesen ignoriert, sie rein nach menschlichen Maßstäben misst und interpretiert. Aber andererseits wird es ihnen genauso wenig gerecht, wenn man sie als völlig andere und fremde Wesen behandelt, die mit uns nichts gemeinsam haben als einen “Säugetier-Grundbauplan”. Wir haben viele Ähnlichkeiten, viele Ebenen, auf denen wir uns begegnen können und auch sollten. Die eigentliche Herausforderung ist, zu unterscheiden, wo wir uns ähnlich sind und wo die jeweils eigene Welt anfängt. Ist es da nicht typisch Mensch, dass wir versuchen, diese Herausforderung nur über den Verstand zu lösen? Bloß nicht auf das Bauchgefühl vertrauen wollen? Dabei wird uns diese Verständigung nur gelingen, wenn wir den Zwiespalt zwischen Kopf und Bauch überwinden können, wenn die Logik nicht zum Feind der Intuition wird und umgekehrt. Unsere Hunde können das - können wir es auch??

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