Abschied

Es ist unfassbar und doch Wirklichkeit - Glenny ist nicht mehr bei uns. Einen Nachruf, wie er ihn verdient hat, kann ich im Augenblick noch nicht schreiben. Aber für all diejenigen, die seine Abenteuer & Geschichten hier in den letzten Jahren mitverfolgt haben, möchte ich unsere letzten gemeinsamen Tage hier noch einmal Revue passieren lassen, damit jeder auf seine Weise von diesem großartigen kleinen Hund Abschied nehmen kann.

 

Donnerstag, 24. Dezember 2009

Es ist Heiligabend, und ich habe Angst. Vor 11 Jahren ist Pünktchen an Weihnachten von mir gegangen, und die Erinnerung daran hat mich niemals ganz verlassen. Nun sehe ich Glenny vor mir, wie er zwar gut gelaunt ist, aber auch durch seine Herzschwäche so angeschlagen, dass nur noch wirklich kurze Spaziergänge möglich sind, andernfalls hustet er noch tagelang. Nach Weihnachten ist mir da natürlich überhaupt nicht zu mute, und so fehlt in diesem Jahr jeder Hauch von Weihnachtsschmuck. Die folgenden Urlaubstage sollen nur für eines da sein: Die gemeinsame Zeit nach besten Kräften zu genießen!

 

Mittwoch, 30. Dezember 2009

Die Feiertage hat Glenny gut überstanden, und ich kann wieder etwas durchatmen. Doch am frühen Mittag kommt der erste Schrecken: Der Paketmann klingelt, Glenny will losbellen, regt sich auf - und bricht zusammen. Ich lasse natürlich den Paketmann getrost denken, es wäre niemand da, und kümmere mich um meinen Hund. Nach kurzer Zeit kommt Glenny wieder zu sich, ich bringe ihn an die frische Luft, er erholt sich allmählich.
Abends dann der nächste Schrecken: Glenny liegt friedlich unter dem Wohnzimmertisch, als er plötzlich wieder zusammenbricht. Diesmal ist er so bewusstlos, dass er sogar Kot verliert. Die Angst schnürt mir die Kehle zu, doch sein Lebenswille ist enorm. Wieder kommt er zu sich, schafft es dann sogar wieder aufzustehen. Ich will das aber keinesfalls so stehen lassen und fahre mit ihm zur nahegelegenen Tierklinik.
In der Tierklinik wird er geröntgt, das Bild ist wie gewohnt schlimm, aber nicht dramatisch verschlechtert gegenüber dem letzten mal. Dennoch ist die Aussage der Tierärztin klar: “Sie sollten sich mit dem Gedanken an den baldigen Abschied vertraut machen...” Medikamentell ist nichts mehr zu machen, und überhaupt ist es “ein Phänomen, dass ein Hund mit diesem Röntgenbild überhaupt noch so munter herumläuft”. Tja, das ist Glenny.
Die Tierärztin ist nicht wirklich glücklich darüber, dass ich Glenny wieder mitnehmen will. Sie erklärt behutsam, dass man ja nicht notwendigerweise warten muss, bis der Hund im letzten Todeskampf liegt und sich quält. Glenny aber, der macht sich auf den Weg in Richtung Ausgang, schaut mich an mit der klaren Aufforderung, wir sollten doch nun bitte endlich gehen - und ich glaube ihm. Wenn er noch weitermachen möchte, dann soll er das auch dürfen. Also verspreche ich der Tierärztin, sofort wieder zu kommen wenn es schlimmer werden sollte, und gehe mit meinem Käfer nach Hause.

 

Donnerstag, 31. Dezember 2009

Es ist nicht zu fassen, aber Glenny hat sich tatsächlich im Rahmen seiner Möglichkeiten wieder erholt. Fröhlich absolviert er seinen Minispaziergang, legt sogar kleine Rennrunden ein (die ich ihm auch gönne, wieso soll er seine letzten Tage nicht nach bestem Können genießen?!). Mir jedoch graust es beim Gedanken an das abendliche Feuerwerk.
Die Nacht kommt, das Gekrache, über Tag schon vereinzelt zu hören, beginnt mit den Abendstunden erst richtig. Als es beginnt heftig zu werden, lasse ich die Musik laut dröhnen, gebe den Hunden Kauartikel, da Kauen ja bekanntlich auch Stress abbaut, und zunächst hilft das auch.

 

Freitag, 01. Januar 2010

Das neue Jahrzehnt kommt und wird von aller Welt mit gebührendem Feuerwerk begrüßt. Nun hilft auch die laute Musik nicht mehr, die Kauartikel sind vergessen. Ob das angeschlagene Herz diesen Stress verkraften kann? In meiner Verzweiflung kommt mir eine Idee, ich packe den Clicker und ein Geruchshölzchen aus. Und tatsächlich, Glenny ist so begeistert, dass “seine Hölzchen” endlich einmal wieder im Spiel sind, da wird auf einmal sogar das Geknalle zweitrangig. Mit Feuereifer hebt er das Hölzchen auf, hält es tapfer fest und wedelt dabei, was das Zeug hält. Mir fällt ein Stein vom Herzen.

 

Mittwoch, 06. Januar 2010

Ringsum in der Nachbarschaft werden die Weihnachtsbäume entsorgt und die Dekorationen abgehängt. Ich habe keinen Baum zu entsorgen und keine Dekoration zu entfernen. Aber in einem bin ich mir mit den Nachbarn einig: Tolles Winterwetter! Denn während sich die meisten eher darüber freuen, dass es endlich einmal wieder Winterstimmung ist, sehe ich nur eines: Die klare kalte Luft tut Glenny so richtig gut. Den Schnee hat er schon immer geliebt, und so sind diese Urlaubstage noch einmal so richtig schön für uns.

 

Montag, 11. Januar 2010

Der erste Arbeitstag im neuen Jahr, und damit erneut die Angst: Wie wird Glenny damit klarkommen? Er kommt gut klar. Natürlich war es schöner, den ganzen Tag direkt kuscheln zu können; aber ich habe auf der Arbeit ein Türgitter eingebaut, so dass er selbst während der 2-3stündigen Gruppenzeiten hautnah dabei sein kann, ohne dabei auf tollpatschige Kinder achten zu müssen. Und im übrigen freut er sich natürlich auch ungemein, seine ganzen vertrauten “Kollegen” wieder zu sehen - immerhin ist er von Welpenbeinen an das “Hausmaskottchen” und irgendwie ein festes Teammitglied!

 

Donnerstag, 14. Januar 2010

Das darf doch nicht wahr sein! Da freue ich mich, Glenny einmal wieder einen neuen Kauspaß gönnen zu können und gebe ihm einen getrockneten Hühnerhals. Und was macht er? Futtert zu hastig, verschluckt sich, muss husten... Wieder fängt er an zu taumeln, ich beruhige ihn sofort, trage ihn auf den Balkon an die frische Luft, und er bekommt wieder Farbe in die Schleimhäute. Das hätte ja nun gerade noch gefehlt, wenn er sich mit einem Hühnerhals selbst ermordet!!
Diesmal erholt er sich sehr schnell und gut, und so beschließe ich ein paar Stunden später, mit ihm und Kaya bis zum nahegelegenen Kiosk zu laufen und ein dort für mich abgegebenes Päckchen abzuholen. Der Weg ist nicht allzu lang, geht dafür aber einmal in die andere Richtung als sonst, und Glenny ist überglücklich.

 

Freitag, 15. Januar 2010

Daran hätte nach der Diagnose im Sommer keiner so recht geglaubt, aber Glenny hat es geschafft: Sein 12. Geburtstag! Ich bin super glücklich, Glenny ja sowieso, und ich fange schon an zu hoffen dass es vielleicht doch noch Wunder gibt, die uns ein bißchen Zeit schenken.

 

Samstag, 16. Januar 2010

Es gibt kein Wunder für uns. Morgens beim Spaziergang fällt mir auf, dass Glenny nicht rennt wie sonst. Und das letzte Stück des kurzen Weges bleibt er sogar direkt bei  mir, bleibt stehen wenn ich stehen bleibe. Wieder daheim sitzt er lange da mit halb gesenktem Kopf und ringt nach Luft. Mir wird das Herz schwer, aber da er sich wieder erholt, fröhlich wedelt und sich ankuschelt beschließe ich, noch ein paar Stunden zu warten.
Mittags gehen wir wieder kurz vor die Tür, es ist schlimmer geworden. Das letzte Stück des Weges trage ich Glenny. Daheim sitzt er da, die Augen halb geschlossen, an die Sofalehne angelehnt, und ich weiß: Er ist dabei, den letzten Weg zu gehen. Ich rufe eine gute Freundin an, die Glenny vom ersten Tag an kennt, und wir verabreden uns vor der Tierklinik.
Vor der Klinik lasse ich Glenny noch einmal kurz laufen. Er begrüßt auch meine Freundin und deren Tochter noch herzlich, aber die Flanken fliegen. Und dann gibt es nichts mehr falsch zu verstehen: Ich bleibe stehen, und er dreht sich um und möchte hochgenommen werden. Das hat er ja noch nie gemacht - ein Satz, den man so oft hört und der mir in diesem Fall ein Messer ins Herz stößt.
Das Röntgenbild in der Klinik bestätigt, was mir innerlich schon klar war: Sein Körper kann die Herzschwäche nicht mehr kompensieren, der ganze Brustkorb ist fast völlig vom extrem vergrößerten Herzen ausgefüllt, die Lunge hat so gut wie keinen Platz mehr, und diese Lunge hat sich nun mit reichlich Flüssigkeit gefüllt. Es gibt nur noch eines, was ich für Glenny tun kann, auch wenn es mir das Herz bricht.
Der Tierarzt ist sehr nett und einfühlsam, selbst als ich weinend über Glennys leblosem Körper zusammensacke. Mein Seelenhund ist nicht mehr, die Welt ist nur noch dunkel.
Daheim lege ich ihn ins Wohnzimmer, damit auch Kaya Abschied nehmen kann. Wie auch ich ist sie fassungslos.

 

Sonntag, 17. Januar 2010

Ich wusste gar nicht, dass ein Mensch so viele Tränen in sich haben kann. Auch Kaya ist nicht wieder zu erkennen. Beide sitzen wir wieder vor Glennys Körper, der doch nur noch eine leere Hülle ist, und dennoch kann ich nicht anders als immer wieder über seinen Kopf zu streicheln; der Gedanke, dass ich das von nun an nie wieder tun kann ist so völlig unfassbar...
Dann, früher als erwartet, kommt der Anruf von Heike, die nicht nur unser Training im Verein begleitet und uns damals nach Gießen gebracht hat, sondern auch jetzt so lieb ist die letzte Fahrt mit Glenny zu machen. Denn ich traue mir eine längere Autofahrt im Augenblick wahrhaftig nicht zu.
So fahren wir dann den Weg bis in den Westerwald, zurück dorthin, wo Glenny einst geboren wurde und wo er nun auch seine letzte Ruhe finden soll. Sicher wäre nicht jeder Züchter bereit, das für einen Hund zu tun, doch wie Glennys “Ziehmama” dazu sagt: Er ist nicht der erste, der ganz am Ende wieder heimkommt...
Genau das ist auch das Gefühl, als wir dort ankommen. Die Trauer ist auch bei der Züchterin deutlich zu spüren, für Glenny steht ein Körbchen bereit. Ganz besonders aber berührt mich Yessi, die Mutter meiner beiden. Nicht nur äußerlich ist sie Glenny zum Verwechseln ähnlich:

Sie gleichen sich auch in allen Eigenheiten wie ein Ei dem anderen, von der Art sich zu bewegen über die Geräusche bei Freude bis hin zu der Art, sich beim freudigen Herumwälzen plötzlich auf der Seite liegen zu bleiben, hochzuschielen und dabei eifrig zu wedeln... Das alles löst natürlich in einer solchen Situation eine Mischung aus Schmerz und Freude aus, die kaum zu verkraften ist. Einerseits tut es unglaublich weh, all diese so vertrauten Dinge hier zu sehen und dabei zu wissen was man verloren hat; andererseits ist es auch wieder ungemein tröstlich, noch einmal diese Lebensfreude zu sehen und das Gefühl zu haben, doch noch einmal so irgendwie ein Stückchen “Glennygefühl” genießen zu dürfen. Es zeigt mir deutlich, was ich verloren habe, und es tröstet mich gleichzeitig, dass die unglaubliche Art von Glenny noch nicht völlig aus der Welt verschwunden ist.
Doch eine solche emotionale Zerreißprobe hält man nur eine gewisse Zeit durch, und so fahren wir dann zurück in ein Zuhause ohne Glenny.

 

Montag, 18. Januar 2010

Das Einschlafen am Vorabend ging wieder nur, als die Augen vor Erschöpfung brannten; das Aufstehen ist begleitet von einem fast schon greifbaren Schmerz. Dennoch, der Alltag ruft. Also fahre ich mit Kaya zur Arbeit, ohne vorher Medikamente verteilt zu haben, wie es die letzten Monate über so fest zum Tag gehört hat.
Die Eltern der Kinder reagieren rührend, und auch die eigentlich doch sehr kleinen Kinder sind berührt. Sätze wie “aber wenn er nicht mehr gestorben ist, dann kommt er doch wieder?” fordern mich bis an den Rand des erträglichen. Am Ende der Gruppenzeit um 12 Uhr muss ich mir eingestehen: Ich habe mich überschätzt, einem Arbeitstag bin ich keinesfalls gewachsen. Die Eltern erklären sich ganz spontan und verständnisvoll bereit, für die nächsten Tage die Gruppe im Elterndienst zu organisieren. Meine Kolleginnen sind ebenso sensibel, und so gehe ich mit Kaya wieder; was genau ich nun gesagt habe, ob ich an alles notwendige gedacht habe, kann ich nicht sagen, ich stehe völlig neben mir.
Auf der Heimfahrt halte ich am Waldrand an und gehe mit Kaya eine kleine Runde. Auch das wieder eine neue Wunde, hier hätte auch Glenny so gerne immer noch mal angehalten, und ich musste es ihm abschlagen... Aber auch für Kaya hat dieser sonst geliebte Weg irgendwie seinen Glanz verloren. Nach der ersten Freude (“juhuuuu, endlich mal wieder hier!”) stellt sie schnell fest, dass es ohne ihren Bruder nicht wirklich viel Spaß macht. Traurig fahren wir heim.

 

Dienstag, 19. Januar 2010

Morgens rufe ich in der Tierklinik in Gießen an und lasse der für Glenny zuständigen Tierärztin ausrichten, dass sie ihren kleinen Patienten nicht mehr sehen wird. Danach gehe ich zu einer Freundin, daheim ist es so unheimlich still ohne Glenny. Hier kann ich auch zum ersten mal wieder etwas essen, wenn auch mühsam. Auf dem Weg kaufe ich noch ein paar neue Kausachen für Kaya, die ihre normalen Kauartikel so ohne Gesellschaft gar nicht mehr mag. Immerhin findet sie es toll, nach so langer Zeit einmal wieder in Geschäfte und in Trubel zu kommen. Ihr Halbbruder Robin dagegen ist völlig verstört, er versteht nicht warum Glenny nicht mit zu Besuch kommt. Für ihn habe ich Glennys Mäntelchen, das Leuchti und das Kreuzgeschirr mitgebracht. Ich schaffe es nicht, mir das hier weiter anzusehen, aber wegwerfen wäre auch zu schade. So weiß ich, dass es noch einen guten Nutzen hat, werde aber nicht ständig daran erinnert. Das Abgeben allerdings ist eine erneute Erinnerung an die Endgültigkeit unseres Verlustes.
Als ich heimkomme, blinkt der Anrufbeantworter. Die Tierärztin aus Gießen hat zurückgerufen. Auch sie ist traurig über diese Nachricht, rät aber nicht aus dem Blick zu verlieren wie schön es immerhin ist, dass Glenny trotz der schlimmen Diagnose noch so lange durchgehalten hat. Auch hatte er ja ein wundervolles Leben, an das ich mich immer erinnern soll. Erneut fließen die Tränen.
Dann schalte ich den Rechner ein und lese die Nachricht der Züchterin: Am Montag haben sie und ihr Mann Glenny neben seiner Oma begraben. Sein altes, poröses und lebenslang heißgeliebtestes Bällchen hat er mitbekommen.

 

Mittwoch, 20. Januar 2010

Ich fahre zu unserer Tierärztin und gebe dort die vielen Medikamente ab, die ich noch habe. Erst Anfang Januar habe ich fast alles neu gekauft, die Packungen sind nahezu voll. Und sicher gibt es Menschen, denen es eine Hilfe ist wenn sie nicht alle Medikamente für ihren Hund kaufen müssen - ich weiß, wie sehr einen das finanziell belastet.
Danach geht es mit Kaya wieder auf einen etwas längeren Spaziergang in den Wald. Denn das wird bei allem Schmerz nun die nächste Zeit meine wichtigste Aufgabe sein: Die kleine Maus in ihrer Trauer zu trösten, wenn ich kann, sie abzulenken, so weit es möglich ist, und zu hoffen, dass wir gemeinsam die unglaublich tiefe Lücke verkraften können, die Glenny in unserem Leben und unserem Herzen hinterlassen hat.

Sonntag, 16. Januar 2011

Es ist jetzt genau ein Jahr her, dass Glenny gehen musste. Gemessen an den vielen Tagen ohne meinen Seelenhund eine kleine Ewigkeit - gemessen an der Erinnerung und dem Ausmaß des Vermissens erst gestern. So verschieden kann die Zeit laufen...

Nun, nach einem Jahr, habe ich es endlich über mich gebracht, einen kleinen Clip zu basteln, in Erinnerung an meinen kleinen Käfer, der in meinem Herzen ewig einen großen Platz haben wird.

 

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